Von 0 auf 4.600 in 11.000 Sekunden

 

Bevor wir in das heftige Erdbeben vom 1. April geraten sind, hatten wir natürlich auch einige schöne Tage in Arica und Umgebung.

Zunächst nehmen wir mit dem Bus eine 23-Stunden-Fahrt von La Serena nach Arica in Angriff. Mittags geht es los: Wüste und Sand, abends: Wüste und Sand (und ein Schild mit “Arica 1.044 Km”, sehr aufbauend nach bereits 9 Stunden), morgens: Wüste und Sand, mittags: Wüste und Sand und dann endlich kurz nach Mittag erreichen wir Arica am pazifischen Ozean. Uns gefällt es hier sofort gut, wir haben ein schönes Hostel mit dem passenden Namen “Sunny Days” nur einen Block vom Sandstrand entfernt. Den Sonntag Nachmittag verbringen wir am Meer, mit schön großen Wellen und nur wenige Meter von uns im Wasser trollen einige Seehunde.

Da das Wetter im nahegelegenen Lauca Nationalpark an den kommenden beiden Tage gut und sonnig sein soll, machen wir uns bald schon mit einem Mietwagen auf in die Anden. Zunächst geht es, klar, durch Wüste und Sand, was dennoch eine ziemlich faszinierende Einöde in der Atacama-Wüste hergibt. Hier wächst kein Busch, kein Grashalm, einfach nichts. Die nächsten zwei Stunden mühen wir uns 3.500 Höhenmeter durch unendlich viele Serpentinen nach oben und überholen einen Lkw nach dem anderen, die hier teils mit 15 km/h den Berg hoch nach Bolivien kriechen. Da wir uns in der Höhe noch gut fühlen und die Sonne so herrlich scheint, beschließen wir direkt weiter in den Nationalpark zu fahren, d.h. es geht in weiteren Haarnadelkurven 1.000 m nach oben, bis wir schließlich die Hochebene erreichen: von 0 auf 4.600 in 11.000 Sekunden! Das merkt man dann schließlich doch mit leichten Kopfschmerzen und vor allem daran, dass jede Bewegung äußerst anstrengend ist. Schon ein kleiner 5-Minuten-Spaziergang bringt einen bei der dünnen Höhenluft richtig aus der Puste. Klug wie wir nun mal sind, haben wir natürlich vorgesorgt und uns mit Coca-Tee eingedeckt, der die Symptome der Höhenkrankheit abschwächen soll. Hier oben freuen wir uns über eine traumhafte Landschaft, über zahlreiche Fünf- und Sechstausender um uns herum, die vielen Vicuñas, kleine Seen, Salzlagunen und über die perfekten Vulkane Parinacota und Pomerape. Wenn man vor einem schneebedeckten Vulkan mit 6.300 m Höhe steht, der sich im See spiegelt, in dem rosa Flamingos stehen, dann kommt man aus dem Bewundern einfach nicht mehr raus. Da fällt dann der nicht ganz so perfekte, nur 5.900m hohe Vulkan, vor dem nur einige Enten im See schwimmen, schon etwas ab 😉 Egal wohin man blickt, es gibt nur wunderschöne Ausblicke, und dazu muss man sich nicht einmal bewegen, man müsste nicht mal aus dem Auto aussteigen, aber ganz so faul sind wir dann doch nicht. Neben der unglaublichen Berg-, Steppen- und Salzseen-Landschaft gibt es hier auch noch viele Tiere zu bewundern: Lamas und Alpakas, Vicuña, einen Fuchs konnten wir entdecken, Flamingos, Kondore und die lustigen Vizcachas, die aussehen wie große Hasen, springen wie Kängurus und auf Deutsch Hasenmäuse heißen.

Die Nacht verbringen wir auf 3.600 m Höhe in Putre, einem kleinen, schönen Bergdorf, von wo wir am nächsten Tag nochmals in die Höhe aufbrechen und die Natur genießen. Da wir heute schon etwas besser an die Höhe akklimatisiert sind, trauen wir uns auch eine kleine Wanderung zu, immerhin 30 Minuten. In einer kleinen Baracke am Wegesrand wird Wasser einer warmen Thermalquelle gesammelt und wir entscheiden uns für ein kurzes Bad mitten in der Steppe. Auch der zweite Tag hier oben ist wunderschön und wir genießen jeden Moment. Am späten Nachmittag machen wir uns aber doch auf den Weg zurück nach Arica, da wir das Auto gerne heute zurückgeben möchten und vor uns zwar nur 150 km liegen, aber eben auch mindestens so viele Serpentinen.

Wir kommen gut in Arica an, geben den Mietwagen zurück und freuen uns auf zwei gemütliche, ruhige Tage am Meer. Leider werden es nur zwei gemütliche, ruhige Stunden… Und dann, wie aus dem Nichts, bebt die Erde so heftig, dass wir fluchtartig aus dem Haus rennen, innerhalb von Sekunden alles stockdunkel wird und wir nur mit anschauen können wie um uns herum alles bis aufs Äußerste wackelt. Nach 50 Sekunden völliger Unsicherheit scheint der Spuk vorbei, aber unser Hostelbesitzer meldet sogleich die Tsunamigefahr und so verbringen wir die nächsten zwei Stunden in der Tsunami-Evakuationszone. Als wir dann wieder zurück im Hostel sind, weiß man nicht so richtig etwas mit sich anzufangen: Zu schlafen traut man sich nicht, Strom gibt es ohnehin keinen und dazu ist man völlig aufgelöst. Nachts wachen wir bei jeder kleinen Bewegung, bei jedem vorbeifahrenden Auto wieder auf, immer mit dem Gedanken, dass es wieder los geht.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne und irgendwie scheint vieles ganz normal zu sein. Auch wir versuchen so gut wie möglich einen normalen Tag zu verbringen, indem wir den Hafen der Stadt besichtigen. Hier sonnen sich Seelöwen direkt an der Kaimauer und hunderte Pelikane fliegen durch die nach frischem Fisch riechende Luft. Zum Entspannen eignet sich das Programm ganz gut, da der Strand aufgrund des Tsunamis sowieso nicht nutzbar ist. Die Läden in der Stadt haben größtenteils geschlossen, ebenso wie Schulen und Banken, aber zum Glück gibt es keine größeren Zerstörungen durch das Beben.

Tja, und als ob es nicht schon genug wäre, bebt am Abend noch zwei weitere Male die Erde, zunächst etwas leichter, aber deutlich spürbar, und kurz vor Mitternacht nochmals ziemlich heftig (wenn auch nicht ganz so extrem wie am Vorabend), so dass wir nachts weitere Stunden in der Evakuationszone verbringen müssen. Dass die Tsunami-Fluchtweg-Schilder, die wir in ganz Chile schon gesehen haben, für uns tatsächlich einmal wichtig werden, damit hätten wir nie gerechnet…

Das Ende vom Lied: Arica und Umgebung sind traumhaft schön, leider werden wir die Stadt wohl immer mit Erdbeben in Verbindung bringen. Und auch jetzt, einige Tage später, haben wir beide nach wie vor ab und zu das Gefühl, dass der Boden schwankt. Ob das nur Einbildung ist oder es viele weitere kleine Erdbeben gibt, das wissen wir nicht, aber wir sind froh, dass wir (und auch die meisten Chilenen) die Sache heil überstanden haben.

Achja, auch in Arica gibt es sehr leckeres Eis in großen Mengen 🙂

2 Gedanken zu „Von 0 auf 4.600 in 11.000 Sekunden“

  1. Schön dass es euch gut geht!
    Schon krass, dass so schöne und schlimme Erlebnisse ganz nah beiananderliegen…
    Eure Bilder sind wie immer toll! V.a die Hasenmaus find ich gut 🙂

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